Im Rahmen des Projekts Im Dickicht des Landes fanden zwei vertiefende Expert:innengespräche statt, die aus unterschiedlichen Perspektiven aufzeigten, wie Theater heute als sozialer, politischer und gemeinschaftlicher Raum verstanden werden kann. Beide Treffen explizierten den Wunsch, künstlerische Praxis mit gesellschaftlicher Verantwortung, institutionellem Wandel und partizipativer Zusammenarbeit zu verknüpfen. Das erste Gespräch führten wir mit dem Forscher und Aktivisten Sergio Ruiz Cayuela, der seit 2024 als Postdoc am Barcelona Lab for Urban Environmental Justice and Sustainability arbeitet. Seine wissenschaftliche Praxis ist geprägt von einem starken Engagement für selbstorganisierte Gemeinschaften, aktivistische Forschung und gemeinsame Praxis. Dieses Verständnis brachte er intensiv in unser Gespräch ein. Gemeinsam diskutierten wir, wie Theater und künstlerische Prozesse als Orte des Community-Buildings funktionieren können. Dabei ging es nicht darum, Communities als Zielgruppen zu adressieren, sondern darum, sie als aktive Mitgestalterinnen vom Anfang an mit einzubeziehen. Sergio schilderte, wie in seiner eigenen Arbeit Formen des Commoning (d.h.: des gemeinsamen Entscheidens, Organisierens und Handelns) entstehen, wenn soziale und künstlerische Praktiken bewusst miteinander verschränkt werden. Aus seiner Sicht bietet vor allem partizipatives Theater einen Raum, in dem Hierarchien reduziert und kollektivere Formen der Teilhabe erprobt werden können. Wir sprachen lange darüber, wie partizipative Dynamiken wie Körperübungen, narrative Verfahren oder Spielstrukturen, Wissen zugänglich machen, das im institutionellen Rahmen oft übersehen wird. Für das Projekt Im Dickicht des Landes wurde durch dieses Gespräch klar, dass wir Theater nicht nur als Endprodukt, sondern als soziale Infrastruktur denken. Partizipation sollte nicht nur ein visuelles Element sein, sondern eine strukturelle Grundlage: Wer gestaltet mit, wer wird eingeladen, wer übernimmt Verantwortung, und wie können Entscheidungsprozesse gemeinsam getragen werden? Sergio erinnerte uns daran, dass solche Fragen keine formalen Ergänzungen sind, sondern das Zentrum einer solidarischen künstlerischen Praxis bilden.
Das zweite Gespräch fand mit der Regisseurin Maria Aberg statt. Sie widmet sich sich der Zusammenarbeit mit migrantischen Künstler:innen und entwickelt experimentelle und inklusive Theaterformen. Im Mittelpunkt unseres Gesprächs standen daher Fragen nach Migration, Repräsentation und strukturellen Zugängen im Theater. Maria sprach offen darüber, wie schwierig es ist, Menschen mit Migrationserfahrung wirklich langfristig in Theaterprozesse einzubinden, wenn die institutionellen Rahmenbedingungen nicht mitverändert werden. Besonders eindrücklich war ihre Beschreibung, wie migrantische Künstler:innen nicht nur künstlerische, sondern auch organisatorische und kuratorische Rollen übernehmen und damit aktiv an der Transformation des Theaterbetriebs mitwirken. Für Im Dickicht des Landes wurde dadurch deutlich, dass die Zusammenarbeit mit migrantischen Communities weit über Outreach oder Zuschauer:innengewinnung hinausgehen muss. Maria betonte, dass Institutionen selbst lernen müssen, Macht zu teilen und die eigenen Strukturen zu öffnen: in der Teamzusammensetzung, in der Entscheidungsfindung, in Produktionsprozessen und in der Art, wie künstlerische Qualität definiert wird. Theater wird so zu einem Ort, an dem gesellschaftliche Aushandlungen stattfinden können, hauptsächlich im Produktionsgefüge.