Generation

Occupied

Stellen wir uns vor, wir wären in unserer ichumspannenden Selbstwahrnehmung nicht allein, sondern dort draussendrinnen, inmitten des schwarzen Lochs, da gäbe es neben unserem Homunculus so etwas wie Zuschauer, die uns ständig beobachten, all unsere Erlebnisse miterfahren würden. Stellen wir uns vor: Ein Leben auf offener Bühne. Und alles, was wir tun, wäre durch diese anwesenden Blicke Dritter in Episoden unterscheid- und jederzeit speicherbar. Und jeder heimliche Wunsch und noch das intimiste Detail würde wie ein Clip im Internet kursieren, unendlich reproduzier- und beliebig (ver)teilbar. Es wäre der Tod des Privaten im Zusammenfall jedweder Öffentlichkeit – Das Ende des bürgerlichen Individuums und der Anfang eines Systems seiner totalen Verwaltung.
Das angeblich so unteilbare Subjekt der Moderne hat sich spätestens mit der digitalen Revolution als äußerst teilbar erwiesen, geradezu der Lernäischen Schlange gleich, weswegen es gewisse intellektuelle Kreise in Paris schon beinahe zärtlich “Dividuum” oder “Bloom” nennen und damit einen Menschentypus meinen, der lieber online Episodenfilme konsumiert als sich aus dem tagtäglichen Patchwork der Identifikationen eine bruchlose Geschichte zu erzählen. Aber was passiert, während unsere Avatare den Cyberspace behausen und kybernetische Naniten unsere Erinnerungen zersetzen, mit dem “Rest” von uns? Wo überlebt dieser aufgeriebene Stummel Mensch ohne seine promethische Kraft? Wie bewährt er sich in einer immer toxischer werdenden Umwelt?
Das Autorenteam der gruppe tag schichtet die vakanten Lebensentwürfe einer „Generation“ – die weder Zeit noch Vorstellung hat eine zu sein – zu einem Tableau sich fortsetzender Krisen des Subjekts am Abgrund (post)moderner Lebenslagen, inmitten prekärer Arbeitsverhältnisse, zwischen zunehmender Anpassungsleistung und ausfallender Selbstidentifikation taumelnd. Überleben im Transitbereichs des Systems – von Meeting zu Meeting, während des verlängerten Wochenendes, beim Wechsel von einer Bar zur nächsten, zwischen Erwartung und Anspruch oder gleich am Bahnhof, wartend auf den nächsten Zug. Eine Gruppe Antihelden, denen ihre Ziele durch einen unerklärlichen Fehler im System plötzlich abhanden kommen, streift durch die dystopische Szenerie einer uferlosen Metropole. Ihre Begegnungen sind stromlinienförmig, dichtgedrängt, gleichwohl episodisch und sporadisch, beliebig und haltlos. Bewegung ohne Programm, das nimmt kein gutes Ende. Generation Occupied – Trotz des permanenten Systemversagens scheitert sie daran, sich selbst dagegen zu behaupten. Oder genau deswegen?