Der

Subjektive

Faktor

Die Aufklärung – Wiege der Moderne und Schädelstätte des Humanismus – hatte nochmals aktualisiert, was schon das alte Griechenland bewegte: Der Mensch als Maß der Dinge, steht im Zentrum einer Welt, die er/sie sich selbst durch sein Handeln erschließt. Nicht von ungefähr erfanden sie der Welt deshalb die Bühne. Doch so, wie die alten Weisen damit ihre eigene Geschichte als göttlich inspiriert missverstanden, als durch das geheiligte Ziel absoluter Vollendung bereits aufs Schöne und umgreifendes Glück ausgerichtet, so irrten auch die modernen Aufklärer darin, dass der Mensch sich von selbst auf das Gute und Richtige verstehen würde. Heute wissen wir, der “ewige Friede” der bürgerlichen Gesellschaft, das kann nur die Totenstille eines leblosen “Menschen-parkes” sein, welcher den Spielregeln von Selektion, Internierung und Repression völlig unterworfen wird. Der Platonische Idealstaat erscheint vor diesem Hintergrund geradezu dystopisch auf, als weltumspannende, globale Macht, als Empire, das von einer schier unmenschlichen Elite gesteuert, noch den letzten Zipfel unserer Welt kontrolliert und beherrscht.

Tief im Schatten der Geschichte liegt deshalb heute der Optimismus der Theorien Marxens und deren utopischer Gehalt, dass die von der Akkumulation des Kapitals getriebene bürgerliche Gesellschaft den Menschen Platz genug ließe, für das Bewußtsein ihrer Umkehrung, für alternative Ideen und kollektive Aktion, für richtiges Handeln. Im Zeitalter der Massenmedien dagegen – welches mit der digitalen Revolutionierung der Technik in eine völlig neue Phase getreten ist – erweist sich die Manipulation der individuellen Gedankenwelt als das Einfachste, die Koordinierung eines kollektiven Bewußtseins aber als das Schwierigste überhaupt. Das gilt nicht nur für das Team am Arbeitsplatz, für die Mitgliedschaft in Partei und Gewerkschaft, es gilt selbst auf der kleineren sozialen Organisationsebene, für die Peer-Groups, Cliquen und die bürgerliche Kleinfamilie, ja selbst für die partnerschaftliche Bindung im Kleinsten. Dass was die die moderne Soziologie die neue “Überkomplexität” oder “Unübersichtlichkeit” nennt, ist aber kein bloßes Zufallsprodukt. Man könnte es ebensogut als den Effekt der Zertreuung durch das zielgerichtete Aufbrechen sozialer Bindungen bezeichnen. Es ist die direkte Auswirkung des zentralen Herrschaftsmechanismus des modernen Staates, der die Vereinzelung vorantreibt, um die Individuen in Rollen einzuspannen, die sie in Konkurrenz zueinander setzen mit dem Ziel, die Effizienz der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft durchs Kapital zu erhöhen bzw. moderner gesprochen, die individuelle Leistungsbilanz entlang eines jeden einzelnen Arbeitslebens zu steigern. Die negativen Folgen für Geist und Körper werden dabei billigend in Kauf genommen.

Um diese Verstümmelung des sozialen Lebens, diese Entflechtung der Mannigfaltigkeit zwischen-menschlicher Beziehungen überhaupt zu ermöglichen, erträglich zu halten und zu vertrösten, reichen jedoch weder Videospiele noch SciFi-Filme, noch das gesamte Arsenal der Unterhaltungsindustrie aus, es braucht noch einen gewaltigen Mythos der Versöhnung, der das riesige Heer der vereinzelten Massen an eine kollektive Idee zurückbindet und die Allmacht der staatlichen Verwaltung legitimiert. Es bedarf eines Nationalismus, der den Menschen eine Schicksalsgemeinschaft im Vergangenen vorgaukelt, um ihnen den Blick auf zukünftige Geselligkeit zu versperren. Nationalismus ist dabei aber kein Exklusivrecht nur der Rechten, oftmals verbirgt sich hinter dem linken Historizismus nicht viel mehr als das Bedürfnis, in einer Bewegung aufgehoben und verwurzelt zu sein, der historische Konsistenz nur als (anti)nationale zukommt, sei es nun durch die diskursiven Schranken oder im Rahmen der national beschränkten sozialen Institutionen. Und insofern dieser Anti/Nationalismus ein objektives Wir halluziniert, welches die subjektiven Dissonanzen ignoriert und übertüncht, dass real Widersprüche existieren, insofern ist es auch von Nöten, ihn der kritischen Untersuchung zu unterziehen, um zu besseren gesellschaftlichen Zuständen fortzuschreiten.

Ein Stück, welches nüchtern und wachsam entlang der angezeigten modernen Kontinuitäten die Grenzen von Aufklärung und Humanismus abschreitet und den Realitäten der bürgerlichen Revolution die Utopie des Kommunismus entgegenhält, ohne fertige Lösungen feilzubieten. Im Gegenteil: Selbstbespiegelnd seziert wird die Ohnmacht der politischen Aktion auf der Ebene der eigenen Organisation, unter dem Eindruck der Repression und als Spielball medialer Inszenierungs-Interessen. Zur Schau gestellt wird außerdem die “Faktizität” des Rechtsstaates, die eben nicht demokratisch verfasst und einer Universal-Pragmatik folgend, noch überhaupt durch eine Diskurstheorie erfassbar ist, sondern in in steigendem Maße dem entspricht, was Meinhof im Vorgriff auf schlechtere Zeiten “Polizeistaat” nannte. Dabei spielt jedoch nicht so sehr die historische Reminiszenz eine Rolle, sondern vielmehr die gezielte Demontage und Rekonstruktion des Mythos der 68er Bewegung, der als ein besonderer Teil der deutschen Erinnerungskultur, ein Neuralgikum der postfaschistischen BRD und facettenreicher Ausgangspunkt aktuellen politischen Handelns ist. Im Stück “Der subjektive Faktor” ist er deshalb Fixpunkt und nostalgisches Amalgan für den politischen Ort der vorgeführten Haltungen, deren Träger die handelnden Figuren sind. Eine politische Gruppe steht im Zentrum, deren Herkunft eben jener Mythos imaginiert. Aber das Bild ist schief. Auf der Bühne stehen keine Superhelden der Geschichte, keine Moralapostel und Wahrheitsprediger, sondern fragile Charaktere, die von eigenen Motiven, gesellschaftlichen Zurichtungen und repressiven Zwängen getrieben, und in komplexe soziale Verhältnisse verwickelt, erinnern und vergessen, sich widersetzen oder unterordnen, manche gar zerbrechen. Das implizite Scheitern der Gruppe ist deshalb Folie der wirklichen Katastrophe, dass heutzutage und hierzulande der politische und kollektive Widerstand gegen die kapitalistischen Zumutungen auf einem historischen Tiefpunkt angelangt ist. Ob zynisch oder melancholisch betrachtet, das Traurige an diesem Scheitern ist gerade die Permanenz, mit der es passiert. Man kann es “Kreisel der Geschichte” nennen oder die “ewige Wiederkehr des Immergleichen”, es bleibt ein typisch bürgerliches Trauerspiel, dass in einer aufgeklärten Gesellschaft ihre vernünftige Einrichtung als vollkommen unmöglich scheint.

Es geht  im “Subjektiven Faktor” nicht um die Darstellung proto-typischer Charaktermasken, deren Handeln pathologisch erfolgt, nicht um das in Gang setzen komplexer Identifikationsmaschinen zum Zwecke historischer Unterhaltung, sondern vielmehr um das konkrete Maß und Lot der Distanz, die jedeR im Publikum bzw. hinter und auf der Bühne ins Spiel bringt. Zielpunkt der Inszenierung sind deshalb einerseits die zwischenmenschlichen Verhältnisse, die die verschiedenen Haltungen zueinander begründen, ohne in die mystische Schablone von Gut und Böse zurückzufallen; andererseits die reflexiven Brüche, die das individuelle und kollektive Handeln begleiten und dennoch koordinieren können. Das versammelte Instrumentarium der Theatertechnik, auch das Spiel mit den alten Formen etwa des Agitprop oder des klassisch-bürgerlichen Dramas, wird schließlich ausgeschöpft, um einen ereignisreichen und anregenden Abend zu veranstalten, der sich schon deshalb nicht so leicht verdauen lässt, weil hier politisches Theater geboten wird, welches sich nicht vor der eigenen Aktualität scheut, ein theatrales Spiel letzlich, das aufwühlen und betreffen soll.