Gott|Fried|Maschine

Leibniz versetzte das Cartesische cogitans sum - mit "Ich denke, also bin ich" der Leitsatz der rationalistischen Philosophie - in den Begriff der Monade, einem ausdehnungslosen, unteilbaren und deshalb allen Naturdingen zugrundeliegenden Einzelnen unendlich vielfältiger Qualität. Er durchkreuzte mit seiner Lehre von den "Seele-Teilchen" den Mechanismus der aufstrebenden Naturwissenschaften und die Gleichmacherei der Allsubstanzlehre Spinozas. Die Idee vom Individuum, dem unteilbaren, seiner selbst bewussten Subjekts, in seiner spontanen Tätigkeit die Fülle des Universums perspektivisch spiegelnd, war geboren. Gleichzeitig jedoch erschien Leibniz die Welt in natürlicher Ordnung, in prästabilisierter Harmonie. Alles Übel dieser Welt war gerechtfertigt durch den nicht zu durchschauenden Sinn eines allwissenden, gütigen Gottes, der unsere Welt als beste aller möglichen vorherbestimmt hatte, so seine "Theodizee". Einen substanziellen Begriff von Geschichte und Gesellschaft kannte er nicht. Stattdessen wollte er die Sprache von allem Uneindeutigen reinigen und unsere trügerischen Begriffe per Gedankenalphabet auf ewig geltende Wahrheiten zurückführen. Sprache sollte zur gut geölten Maschine werden, ein göttlicher Mechanismus, und der Mensch ein kybernetischer Automat, kaum mehr als ein Personal-Computer. Doch das Rad der Geschichte rotiert so unerbittlich wie die Leibnizsche Rechen-Maschine. Das radikal freie Subjekt gebar sich aus den Blutbädern des 30jährigen Krieges und dem Aufstand des Bürgertums gegen die feudale Ordnung, wanderte wie ein Alb durch die Geschichte der Moderne, bis es in den Schützengräben der Weltkriege unter Stahl, Kot und zerfetzten Leibern zu ersticken drohte. Wo steht dieses Subjekt heute? Ist seine Freiheit nicht eine Chimäre angesichts einer verwalteten Welt, für die das Individuum nicht mehr "systemrelevant" genug ist? Wie kann sich seine Spontanität in einer Gesellschaft souverän entfalten, die bereits alles Mögliche vorherbestimmt hat? In einem philosophisch-performativen Bühnenessay spürt die gruppe tag der Leibnizschen Ideenwelt nach und führt das Publikum an einen pseudo-realen Ort, wo der postmoderne Mensch als (In)Dividuum eine Vielzahl möglicher Welten gleichzeitig durchläuft, die Fenster der "Menschmonade" nach allen Seiten offen stehen und die Frage "Wer bin ich?" wieder virulent wird.

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